Protokoll der Sinne – 3. Kapitel

Kapitel 3

Draußen läuft die Welt vorüber 

Draußen läuft die Welt vorüber. Hier drin schreitet die Musik aus den Orgelpfeifen. Sie quillt und gleitet gleichmäßig in die Bankreihen. 
Reiht sich Ton für Ton an den Wänden auf, hat keine Angst, hat keine Zeit, läuft davon. Sie geht durch den Raum und sammelt die Stille ein. Sie hat schwer zutragen, atmet die Töne tief ein, holt Luft und rennt, hat die Arme voller Leidenschaft und kann die Ruhe nicht mehr fassen.
Die Tonleitern sprechen sich ab und stellen sich im Notenpapier auf. Die Harmonie macht der Musik jetzt Mut. Körper und Raum beginnen zu klingen. Ein paar Töne liegen in den Ecken und verstecken sich. Sie lauern auf den Bauch, denn die Musik geht durch den Magen und streichelt das Zwerchfell. Fließt als heißer Atem in die Lunge, die nur noch das Herz öffnet.
Die Orgel hat sich Gehör verschafft. Sie gab dem Kirchenschiff die Andacht der Musik. Die Stille ist versöhnlich abgetreten und hatte nichts dagegen. Am Ende setzen sich die Töne zur Ruhe. 
Die starken Klänge geben sich erschöpft und sinken auf den Boden. Keiner weckt sie auf. Sie schlafen auf den Steinen und ich steige langsam darüber. Ich habe Respekt vor der Stille, die nun wieder an ihrem Platz ist. Sie trifft sich mit der Ruhe immer hier in den hohen Räumen. Jetzt muss ich gehen. Ich stehe am Ausgang der Kirche und draußen läuft die Welt vorüber …

 

 

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