Protokoll der Sinne – 3. Kapitel

Kapitel 3

Draußen läuft die Welt vorüber 

Draußen läuft die Welt vorüber. Hier drin schreitet die Musik aus den Orgelpfeifen. Sie quillt und gleitet gleichmäßig in die Bankreihen. 
Reiht sich Ton für Ton an den Wänden auf, hat keine Angst, hat keine Zeit, läuft davon. Sie geht durch den Raum und sammelt die Stille ein. Sie hat schwer zutragen, atmet die Töne tief ein, holt Luft und rennt, hat die Arme voller Leidenschaft und kann die Ruhe nicht mehr fassen.
Die Tonleitern sprechen sich ab und stellen sich im Notenpapier auf. Die Harmonie macht der Musik jetzt Mut. Körper und Raum beginnen zu klingen. Ein paar Töne liegen in den Ecken und verstecken sich. Sie lauern auf den Bauch, denn die Musik geht durch den Magen und streichelt das Zwerchfell. Fließt als heißer Atem in die Lunge, die nur noch das Herz öffnet.
Die Orgel hat sich Gehör verschafft. Sie gab dem Kirchenschiff die Andacht der Musik. Die Stille ist versöhnlich abgetreten und hatte nichts dagegen. Am Ende setzen sich die Töne zur Ruhe. 
Die starken Klänge geben sich erschöpft und sinken auf den Boden. Keiner weckt sie auf. Sie schlafen auf den Steinen und ich steige langsam darüber. Ich habe Respekt vor der Stille, die nun wieder an ihrem Platz ist. Sie trifft sich mit der Ruhe immer hier in den hohen Räumen. Jetzt muss ich gehen. Ich stehe am Ausgang der Kirche und draußen läuft die Welt vorüber …

 

 

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Protokoll der Sinne – 2. Kapitel

Kapitel 2

Ich will kein Engel sein 

Ich will in mir herum toben und in dir toben und nicht aufpassen müssen was ich sage und ich will schreien, so laut ich will und dir die Ohren zu halten und mir die Ohren zu halten und dich durch die Finger reden hören,verschwommen ahnen was du willst, machen was du brauchst, haben was du hast, und nehmen was ich will und anfassen was ich nicht darf und lecken, beißen, kratzen, wie die wild gewordenen Katzen und mich mit Samtpfoten ein kratzen, mir nichts sagen lassen und dir nichts sagen lassen und uns nicht gewähren lassen und nicht auf hören damit, immer weiter machen damit, anhalten, abwarten und neu beginnen was wir begonnen hatten, wimmern leis’ und leiser und in dir vergehen, uns nichts versprechen und nichts vormachen, und nichts nachmachen und nichts neu machen, das Alte umwerfen und das Neue nicht aufheben, mich hinab beugen und das Vergessene aufheben und das Entdeckte nicht verstecken, sondern dich verstecken –hinter mir, vor mir, unter mir, über mir, neben mir, neben dir und an dir, wenn du sagst – ICH LIEBE DICH – fauchen und flüstern und mit Engelszungen lügen nur für dich, ich will unsre Körper hetzten und unsere Finger an uns verbrennen und sie vergraben, so laut ich will und so tief ich will und dunkel weinen dabei, wenn ich will – dann will ich – dein Engel sein.
Wenn ich meine Flügel in den Himmel hängen kann und sie holen wenn uns danach ist, sie für lange Zeit vergessen und wieder damit KOMMEN, wenn ich soweit bin,
Nur dann werd ich dein ENGEL SEIN.

 

 

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Protokoll der Sinne – 1. Kapitel

Kapitel 1

Der Abreißkalender 

Habe heute Abend Balzac getroffen. Wir unterhielten uns per Buch über die Suche nach dem Absoluten und ich stellte fest, wie war es ist:
Das Leben ist eine menschliche Komödie! Weiß Gott- im wahrsten Sinne! Wir leben die Tage runter- zack – wie im Abreißkalender – wenn das Nachdenken und das Reflektieren auf der Strecke bleibt. Ratsch – Tag ab – knüll und weiter. Ganz einfach immer Nummer nach Nummer – tagesformabhängig! Nummer 15 des Julis – 16, 17 – alle weg gelebt! 
Oder weggelegt; weggerissen aus dem Lebensbuch – neue Seite auf – was leben – umblättern oder ausreißen! Oder „ausreisen“ in ein neues Leben? Auf dem letzten Tagesblatt stand kein Weg.  
Kein Hinweisschildchen nirgendwo – zum totlachen – „komödiantisch“. Das Leben lebt man so ab,und merkt,es wäre wohl Zeit für `nen neuen Weg oder so was Ähnliches, vergisst glatt einer die Wegbeschreibung. Ja was soll man da machen? Mit Humor nehmen und „Das wird schon“ lächeln? „Wird schon!“ 
Ein neuer Morgen – Zack ist die Nacht rum – und ehe man sich versieht das Leben – Abreißkalender Schluss. Punkt. Ach ja und das ist ja auch noch so `ne Sache mit dem Punkt. Ist es nun der Punkt auf dem „I“ der fehlt und wie sieht der denn zum Schluss aus? Da muss man sich am Ende doch wieder entscheiden – oder sucht man ihn noch? Noch einmal im „nächsten Leben“ –falls es da oben `nen neuen Abreißkalender gibt!?

 

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